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Ein mehr als eindrucksvolles Lebenszeichen des Schultheaters in Bayern

Wiederstart der Theatertage der bayerischen Gymnasien nach zwei Jahren Pause

Festzustellen, dass die Pandemie die Kultur in jeder Hinsicht besonders negativ getroffen hat, ist eine Plattitüde. Aber eben leider auch eine bittere Realität, die die Schulen ebenso betraf wie alle kulturellen Institutionen. Von daher war nach allen vorsichtigen Vorbehalten in der Vorbereitungszeit die Freude groß, als sich zunehmend abzeichnete, die Theatertage in Aschaffenburg können nach zwei Jahren Pause wieder stattfinden.

Natürlich spielte das warme Wetter mit, aber dass es ein derart sommerlich frohes Festival sein konnte, ist in erster Linie das Verdienst des Organisatorenteams unter Leitung von Johannes Lorentzen und der Schulleiterin Frau OStDin Judith Nitsch, die mit ihrer ganzen Person die Veranstaltung und ihre Entstehung begleitete.

Dass das Dalberg-Gymnasium Aschaffenburg die Theatertage gerne bei sich haben würde, stand schon seit einigen Jahren fest. Spätestens mit Beginn des Schuljahres 2021/2022 wurde konkret, dass hier nicht nur mit Begeisterung für die Sache die Vorbereitungen intensiviert wurden, sondern mit großer Genauigkeit und liebevollem, ausdauernden Organisationstalent Schritt für Schritt auf das Fest für das Schultheater zugegangen wurde. Umsicht und Kooperation braucht es auch, um die verschiedenen Bereiche und Zuständigkeiten, von der Unterbringung über die Verpflegung, vom Rahmenprogramm bis zu den Spielstätten im Blick zu behalten. Nicht zu vergessen, dass daneben ein sinnvoller Schulbetrieb erhalten bleiben soll. So wurde die Grundlage dafür gelegt, dass das Festival und mit ihm zugleich ein wichtiges Event der Schultheaterszene aufblühen konnte. Vom ersten Moment an fühlten sich Gäste und Besucher willkommen und gern gesehen. Keine Frage blieb unbeantwortet, keine Hilfe ließ auf sich warten. Für diese umsichtige Organisation und die gelebte Gastfreundschaft sei allen Beteiligten schon an dieser Stelle besonders gedankt.

Dies war das feste Fundament für das, worum es bei den Theatertagen eigentlich geht, das Schultheater in (fast) seiner ganzen Vielfalt. Gerade die große Palette der Formen und Beteiligten zeigte, dass die Pandemie das Schultheater zwar beeinträchtigt hatte, aber in seiner Entwicklung nicht aufgehalten hat.  Es spielten jüngere und ältere Schüler*innen, Klassen, Arbeitsgemeinschaften und Kurse. Die Stücke stützten sich auf Dokumentarisches, Biografisches und Literarisches. Sie fanden ihren Ausdruck in solistischen, chorischen, performativen und repräsentativen Theaterformen. Neben disziplinierten, strengen Inszenierungen, ließen andere der konzentrierten Improvisation Raum. Oft dominierten die theatralen Bilder, seltener die Texte, gesucht wurde stets nach dem ästhetisch und künstlerisch treffenden Zusammenspiel zwischen Inhalt und Botschaft. Dieses Bestreben wurde vom Publikum aus Lehrern und Lernenden entsprechend euphorisch gelobt und bejubelt. Dabei verlangten die Spielstätten vor Ort, das Aschaffenburger Stadttheater und die FOS/BOS-Halle, Anpassungen der Inszenierungen, die von allen Gruppen mit Flexibilität und durch die Mithilfe professioneller Mitarbeiter der Spielstätten ohne Verwerfungen gemeistert wurden.

Hier ein kurzer Einblick in die gezeigten Stücke.

Am Rande des clownesken Scheiterns
Salto & Mortale

Unter einer besonderen Herausforderung stand die Oberstufentheatergruppe des Willstätter-Gymnasiums Nürnberg. (Leitung: Barbara Schlatterbeck ⴕ (Regie), Susanne Carl (Inszenierung, Clownstraining). Die bereits bei der Erarbeitung des Stückes schwer kranke Theaterlehrerin Barbara Schlatterbeck erlag wenige Wochen vor den Theatertagen ihrem Leiden. Mit einer Gedenkminute während der Eröffnungsfeier solidarisierten sich die Besucher des Festivals mit den damit verbundenen Schmerzen und Herausforderungen für die Gruppe. Das Stück selbst machte es der Gruppe nicht leicht. Ein Clownszirkus auf dem absteigenden Ast. Doch dass ein achtloser Wunsch des Zirkusdirektors noch seinen Tod höchstpersönlich in den Zirkus ruft, schreckt die Clowns auf. Sie bekommen nur eine Chance, sie müssen den Tod zum Lachen bringen. Fatales wie gutes Ende: Der Tod bringt sich selbst zum Lachen. Aus ganz individuellen Clownsrollen heraus, die ihnen inzwischen an die Person gewachsen zu sein scheinen, entwickeln die Spieler*innen ihre je eigene Verhaltensweise und Strategie in der Handlung. Bruchlos verlassen sie szenisch gelegentlich den Zirkus und reflektieren über Seele, Gericht und ewiges Leben oder berichten von persönlichen Erfahrungen mit Sterben und Tod. Gebannt erlebte das Publikum, mit welch ernsthafter Leichtigkeit hier das existentielle Thema von Sterben und Tod verhandelt wurde. Großartig!

 

 

Fabelhafte Menschenwelt im Vogelgewand
vogelbunt

Im grünen Licht der Bühne des Aschaffenburger Theaters erwachen originell kostümierte farbenfrohe Vogelwesen und erkunden sich hüpfend und springend die Welt. So leicht beginnt die Unterstufentheatergruppe des Dominicus-von-Wilprun-Gymnasiums Viechtach ihr Stück vogelbunt nach der Fabel Der hochmütige Geier. Bald schlängelt sich eine blaue Stoffbahn als Bach über die Bühnenfläche und es gibt Würmer zum Fressen. Doch lange hält die Idylle nicht. Unzufriedenheit macht sich breit. Ein Entrepreneur-Typ, der es schafft zu joggen und gleichzeitig ununterbrochen erfolgreich busy zu sein, verspricht Abhilfe: Konkurrenz macht das Leben interessant, egal ob im Fliegen oder in der Schönheit. In Wirklichkeit jedoch schafft sie nur Streit. Und wo liegt die Lösung? In der simplen Anerkennung dessen, was jeden besonders macht, als Stärke der Gemeinschaft. Die durchaus ernste Botschaft entwickelt sich mit großer Spielfreude, charmant und humorvoll aus der Gruppe der bunten Wesen heraus. Das Publikum zollt den jungen Spieler*innen jubelnde Anerkennung für ihre versöhnliche Geschichte.

 

 

Dystopische Zukunftswelten und Hoffnungspotenzial
Erinnere Dich

Alles ist befremdlich in dieser Zukunftswelt, die die Mittelstufentheatergruppe des Werdenfels-Gymnasiums Garmisch-Partenkirchen (Leitung: Dr. Heidi Fleckenstein) unter dem Titel Erinnere Dich präsentiert. Gestalten in weißen Mänteln und Turbanen, mit Nummern auf den Gewändern, treten emotionslos an, um Medikamente in Empfang zu nehmen, über ihr Verhalten zu sprechen oder sich in der Familie zu treffen. Die These des Glücks lautet: Eine Welt ohne Erinnerungen ist eine glückliche Welt. Szenen in Alltagskleidung, die Familienweihnachten, Kriegsszenen oder Kinoerlebnisse zeigen, konterkarieren die Welt ohne Erinnerungen, die Zuwiderhandelnde oder Widerständige freisetzt. Eine Figur namens Rosemary aber gelingt es, die Erinnerungen zurückzubringen und die Diktatur der Erinnerungslosigkeit zu zerstören. Der Gruppe überzeugt sowohl in großen Choreographien der Gleichschaltung als auch in Szenen voller Lebensfreude und auch Enttäuschung. Sie bringt die Vielfalt der angesprochenen Situationen konzentriert auf den Punkt und scheut nicht vor dem expliziten Andeuten von Gewalt zurück. Ein mutiges Stück, dem das Publikum mit anhaltendem Applaus Anerkennung zollte.

 

 

Märchenhaftes Forschen
Angst

Dass eine Theaterklasse aus der sechsten Jahrgangsstufe des Riemenschneider-Gymnasiums Würzburg (Leitung: Theresa Salfner-Funke) sich ein Märchen als Spielstoff vornimmt, wäre wenig überraschend. Wie aber hier aus der Angst der Kinder in Hänsel und Gretel ein Stück forschendes Theater wurde, das gleichzeitig Veranstaltung und Publikum einbezog, war begeisternd. Nahtlos ineinander verwoben präsentierten kindliche Forschermenschen in grünen Hauben und Laborkitteln Ergebnisse ihrer Erkundungen, etwa wovor welche Menschen besondere Angst haben, befragten aber auch Profiwissenschaftler per Videokonferenz oder erforschten die Befindlichkeiten des Publikums per QR-Code-Abstimmung und entsprechender Präsentation. Videoprojektionen boten auch den atmosphärischen Rahmen für die konzentrierten auf das Angsterleben bezogenen Ausschnitte aus der Märchenhandlung. Bingo-Karten im Publikum sorgten für unvorhersehbare Unterbrechungen, in denen ein Lied über die Angst und ihre Überwindung gesungen wurde. Dazu präsentierten sich die jungen Spieler in einer Vielzahl an theatralen Formen: Chorisches Auftreten, emotionales Spiel, Dialograten mit dem Publikum, Improvisation, Szenen mit Taschenlampenlichtern oder Schwarzlicht und mehr. Passend zum Märchen entließ das Stück den Zuschauer nicht in Ratlosigkeit, sondern gab ihm lebensnahe Anregungen, mit Angstzuständen umzugehen und sie zu überwinden. Eine durch Vielfalt, Experimentierfreude und Souveränität in der Präsentation glänzende Aufführung.

 

Mutiger Einblick in eher gesellschaftsferne Jugendwelten
Der Leuchtturm

Allgemeinhin verbindet sich mit dem Leuchtturm die Vorstellung von Orientierung. Die könnten die drei Jugendlichen brauchen, die in der ersten Szene des Stücks in der Unruhe eines Bahnhofs kauern und über ihre Zukunft nachdenken, nachdem sie aus dem Heim geflohen sind. Das Stück der Oberstufentheatergruppe des Ludwig-Gymnasiums Straubing (Leitung: Karlheinz Frankl) konfrontiert mit den Startproblemen benachteiligter Jugendlicher und den unübersehbar hohen Hürden, die sich ihnen stellen, bis sie erwachsen werden können. Diesen Hürden können sie nicht entfliehen, nicht am Bahnhof, wo sie schnell wieder festgenommen werden, nicht in ihren Familien, die ein Zuhause verweigern und auch nicht in der Gemeinschaft und den Therapieangeboten des Heims. Bleibt die Welt der Träume oder ein weiterer Fluchtversuch oder beides gleichzeitig. Neben dem einfühlsamen personalen Spiel der benachteiligten Jugendlichen und den Erwachsenen in den Institutionen geben ironisierende Figuren, wie ein übertrieben lässiger Außenseiterpädagoge im Heim, absurde Elemente, wie die das Geschehen witzig kommentierenden Leuchttürme in ihren Ringelklamotten, oder die eingestreuten durchaus nachdenklichen Kommentare einer Bettlerfigur dem Geschehen Leichtigkeit und Tiefe. Die Jugendlichen aus Straubing präsentieren damit ein betroffen machendes Stück Gesellschaftskritik für Gleichaltrigen in schwierigen Coming-of-Age-Bedingungen.

 

Virtuoses Spiel mit einem Klassiker
Nashörner

In der Besprechung der Theaterlehrer herrschte seltene Einigkeit darüber, dass der Unterstufengruppe des Willstätter-Gymnasiums (Leitung: Marcus Gangloff) mit der Aufführung von Ionescos Die Nashörner ein in Stilisierung, Körperlichkeit, Sicherheit und Präzision außergewöhnliche Produktion gelungen war. Nach einer knappen Selbstvorstellung der Spieler*innen folgte das Stück weitgehend dem sinnvoll gekürzten literarischen Text. Dennoch blieb da eine ganze Menge, die mit Leichtigkeit und Ausdruck, in chorischen Varianten oder solistisch, temporeich oder zögerlich über die Rampe geschleudert wurde. In einheitliches Schwarz gekleidet passten die jungen Spielerinnen ihre Körperhaltung flexibel den unterschiedlichen Emotionen an oder zeigten in teilweise akrobatischen Choreografien, auch einem beeindruckenden Solotanz, die Beziehungen zwischen den Figuren oder dem Phantom des Nashorns auf. Dabei blieb die Darstellung von gesellschaftlicher Absurdität, wie sie bei Ionesco angelegt ist, nicht auf der Strecke. Wie selbstverständlich stellten sich Assoziationen zu den „Nashörnern“ unserer Tage ein. Ein begeistertes Publikum zollte den jungen Darstellerinnen den verdienten Respekt.

 

Verliebtes Verwirrspiel
Liebe einer Sommernacht

Der Titel will es gar nicht verstecken, der Aufführung der Oberstufengruppe des Gymnasiums bei St. Stefan in Augsburg (Leitung: Elke Sandler) liegt Shakespeares Sommernachtstraum zu Grunde. Wer im Publikum demzufolge romantische Sommernachtswelten erwartete, wurde enttäuscht. Vielmehr entwickelt sich schon nach kurzer Zeit ein Verwirrspiel, das das nächtliche Durcheinander des Originals weiter steigert. Drei breakdancende Pucks in elegantem Schwarz spielen sechs verliebten oder entliebten oder gerade schrecklich verunsicherten Paaren in geschmackvollen gewärtigen Kostümen mit. Erkennbar richtet sich das Interesse der Gruppe auf die jungen Menschen in ihren Beziehungen, in ihren Fremd- und ihren Verwirrtheiten. Die Spieler*innen-Paare, die die Originale trippeln, agieren körperlich präsent und einfühlsam in ihren Begegnungen,  tanzen für Blumen, bewegen sich durch Träume und mit Isomatten, bis sie zwischendurch ihren Platz und vorübergehend Ruhe finden. Zusätzlich wird in Liedern und biografischen Einschüben verhandelt, welches Geheimnis, welche Last und welches Wunder die Liebe ist. Eine genussvolle Sommernachtsphantasie auf den sommerlichen Theatertagen.

 

Bilder einer Ausstellung - theatral
Re: Works Erwin Olaf

Die Auseinandersetzung mit Bildern und Videos des Fotografen Erwin Olaf in einer Ausstellung der Hypo-Kunsthalle München bildete die Grundlage der Szenencollage der Oberstufentheatergruppe des Gymnasiums Haar (Leitung: Thomas Ritter). Die Aufführung beginnt – wie im Museum – noch bevor das Licht im Zuschauerraum ausgeht. Bilder von Erwin Olaf sind im Zuschauerraum aufgestellt oder werden präsentiert. Eine knappe Erläuterung zum Künstler und seinem Selbstverständnis eröffnen die Begegnung mit weiteren Kunstwerken. Einige Bilder provozieren auf der Bühne Bewegungschoreografien, wie der Mann auf der aufsteigenden Treppe. Andere regen in der Präsentation zu Texten an, die den Personen im Bild zugeschrieben werden, etwa bei einem Bild mit Lehrer und davongehendem jungen Mädchen in einem Schulzimmer, oder auch bei einer absurden familiären Tischszene in Fortführung einer Art Familienvideos des Künstlers. Auf jede Weise gelingt es atmosphärisch dicht und intensiv, nicht zuletzt durch die Live-Musik-Performance des auf der Bühne präsenten DJs und die verdichtenden Videoarbeiten auf verschiedenen Videoscreens am Rande der Szene, die Hermetik in den Kunstwerken aufzubrechen. Die gesellschaftskritischen Inhalte und die persönlichen Assoziationen, die die Bilder bei ihren Betrachter*innen auslösten, werden im Spiel erfahrbar gemacht. Die eleganten Überleitungen zwischen den Szenen nehmen den Zuschauer mit in einen Strom des Sehens und Wahrnehmens. Ein Ausstellungsbesuch der ganz besonders mitreißenden Art.

Die also durchweg gelungenen Aufführungen im Rahmen der großen Gastfreundschaft  machten das Festival letzten Endes zu dem, was es sein will: Eine Demonstration der Leistungsfähigkeit des Schultheaters an den Gymnasien in Bayern und deshalb eine Fortbildung zur Weiterentwicklung des Schultheaters in seiner Vielfalt zeitgenössischer, jugend- und schülergemäßer künstlerischer Formen. Dazu trugen auch die intensiven und sachorientierten Besprechungen der Stücke bei Schülern und Theaterlehrenden bei.

Dieses Ziel und seine Bedeutung im pädagogischen Kontext der Schule unterstrichen die Statements von Michael Aust, dem Leiter der Fördergemeinschaft für das Schultheater und des Verbands der gymnasialen Theaterlehrer (TAG), von Jürgen Faltermeier, dem Vertreter der Landeselternvereinigung Bayern (LEV) und des Philologen-Verbands-Vorsitzenden Michael Schwägerl (bpv) im Rahmen der Eröffnungsfeier. Zusammen mit einem großen finanziellen Beitrag des Ministeriums legen diese Verbände die finanzielle und ideelle Grundlage des Festivals. Der per Videoeinspielung übertragene Wunsch des Kultusministers für ein gelungenes Festival ging mehr als in Erfüllung und steigert die Vorfreude auf den 23.-26. Juli 2023, die 65. Theatertage der bayerischen Gymnasien in Kaufbeuren.

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