
Theatertage der bayerischen Gymnasien 2025
Werdenfels-Gymnasium Garmisch-Partenkirchen
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Sommer in den Bergen, das bedeutet nicht zwangsläufig Sonnenschein. Tatsächlich waren die Theatertage der Gymnasien im Juli 2025 am Werdenfels-Gymnasium Garmisch-Partenkirchen überwiegend Regentage. Dass das am Ende nicht von Interesse war, lag an einer überwältigenden Gastfreundschaft vor Ort und dem intensiven Gemeinschaftserlebnis von und mit vielen begeisterungsfähigen Menschen rund um packende Theateraufführungen.
Die Veranstalter vor Ort, Schüler, Lehrerteam und Direktorat hatten keine Mühe gescheut, nicht nur fein ausgestattete Spielstätten zu bieten, sondern dazu ein Rahmenprogramm mit Fahrt auf einen der Hausberge, abendlicher Feuershow oder einer Party mit Live-Musik. OStD Christoph Hagenauer und StD Markus Strauß unterstützten nach Kräften Dr. Heidi Fleckenstein und ihr Team in ihren Anliegen. Dafür lässt sich an dieser Stelle mit nur viel zu mageren Worten von Herzen Danke sagen.
Das alles begleitete die acht von einer Jury ausgewählten Theaterstücke, die natürlich im Mittelpunkt des Festivalprogramms standen. Die pädagogischen und künstlerischen Qualitäten, die Schultheater für die teilnehmenden Aktiven hat, sind in ihrer bildungsrelevanten Bedeutung inzwischen oft beschrieben worden. Da Theater in Bayern nicht als Schulfach installiert ist, braucht es um so dringlicher ein solches Großereignis im Jahr, damit Qualitäten gezeigt, Entwicklungen und Möglichkeiten diskutiert sowie Anregungen und Inspiration für die Theaterarbeit gewonnen werden können.
All das war mit den ausgewählten Produktionen in vielfältiger Hinsicht möglich. Es gab Stücke, die sich im Inhalt auf literarische Vorlagen stützten, aber auch echte Eigenproduktionen. In jeder Form bildeten sich Themen der Jugend ab: Gesellschaftliche Entwicklungen, Auseinandersetzungen mit den Erwachsenen oder das Thema Liebe in Zeiten von Social Media gehörten dazu.
Im Spiel dominierte die (großen) Gruppe, die in ihrem Rahmen dem Einzelnen Raum für sein individuelles Auftreten öffnete. Stärke gewannen die Stücke dort, wo es eine klare formale Setzung gab, die nicht zum beengenden Korsett für die Spielhandlungen wurde.
Dies alles wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht zahlreiche Sponsoren aus der Gemeinde Garmisch-Partenkirchen sowie dem Umland dort und nicht zuletzt die Verbände bpv, LEV und TAG sowie das bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultur dazu ihren wertvollen finanziellen Beitrag geleistet hätten. Solche Finanziers sind die Voraussetzung für eine weitere Kontinuität dieses wichtigen Kulturevents.
Die folgenden kurzen Schlaglichter auf die einzelnen Produktionen möchten den Reichtum der gezeigten Theaterproduktionen wenigstens knapp andeuten.
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Beim Rückblick bleiben die vielen anregenden Momente des Theaterspiels, der Besprechungen und der Gastfreundschaft im Vordergrund der Erinnerung. Sie nähren die Vorfreude auf die nächsten Theatertage der bayerischen Gymnasien vom 22. – 25. Juli 2026 in Traunstein am Chiemgau-Gymnasium, das bereits aktiv in den Vorbereitungen steckt und sich auf viele interessierte Gäste und spielfreudige Theatergruppen und Fortbildungsteilnehmer freut.
Ein bisschen Wehmut zum Schluss, denn im Rahmen der Eröffnungsfeier mussten zwei langjährige Vertreterinnen der Verbände Philologenverband und Landeselternvereinigung aus beruflichen bzw. Gründen des Alters verabschiedet werden. Die Fördergemeinschaft für das Schultheater, in der Philologenverband, Landeselternvereinigung und Theaterlehrerverband als Oberorganisatoren des Festivals verbunden sind, bedankte sich bei Rita Bovenz (bpv) und Annette Batora (LEV) für den treuen, engagierten, kritischen und kompetenten Einsatz im Rahmen der Jurytätigkeit und in der Verantwortung und Unterstützung für das Festival.
Damals war es Friedrich
Die Mittelstufentheatergruppe des Carl-Orff-Gymnasiums Unterschleißheim (Leitung: Stefanie Höcherl) eröffnete das Festival. Sie erzählte die Geschichte des schon etwas älteren Jugendbuchs von Hans-Peter Richter über das Schicksal des jüdischen Jungen Friedrich zur Zeit des Nationalsozialismus von hinten her. Kernszenen der Entwicklungen bildeten das Gerüst der Aufführung.
Die rund vierzigköpfige Gruppe nutzte ihre große Zahl produktiv, um in den Szenen verschiedenste Charakterfacetten von Tätern, Opfern oder Zeugen eindrucksvoll auszuspielen. So entstand ein stark an der menschlichen Seite interessiertes Zeitpanorama. Dabei blieb die Gruppe nicht stehen. Immer wieder intervenierte sie und problematisierte die Entwicklungen in Bezug auf die aktuelle gesellschaftliche Situation in Deutschland, die von ihnen erkennbar mit großer Sorge beobachtet wird.
Durch das engagierte und starke Spiel bot sich dem Zuschauer eine kraftvolle, nachdenklich machende, anrührende, auch humorvolle, aber stets klar positionierte wichtige Warnung für unsere Zeit aus den geschichtlichen Erkenntnissen heraus - ohne sentimentale Moralisierung.
Kidnap Royal
Der Titel lässt es schon ahnen: Hier gibt es einen Kriminalfall um eine Entführung in der Welt der Reichen. Das Ausgangssetting scheint bekannt. Gelangweilte Polizisten erzählten sich Geschichten aus der Vergangenheit, als eine vernachlässigte Tochter reicher Eltern im Rahmen einer Entführung ihr Glück fand. Denn dies besteht mehr aus Mitmenschlichkeit als aus Geld oder Ansehen in den Sozialen Medien.
Die spielfreudige Unterstufentheatergruppe des Johann-Michael-Fischer-Gymnasiums aus Burglengenfeld (Spielleitung: Agnieska Hübner) erzählte ihre Geschichte witzig und humorvoll, wobei sie sich auf einfachste Mittel verließ. Umgehängte Rettungsfolie und irrwitzige Brillengestelle repräsentierten Reichtum, verschiedenfarbige Eimer wurden als Handtaschen, Spielplatzgeräte, Telefone, Schreibtische und vieles mehr eingesetzt. Die Requisiten erschienen auch im Tanz, um Emotionen sichtbar zu machen und die Handlung zu verdichten.
Neben der Abstraktheit in der Gestaltung begeisterte besonders die Spielfreude der jungen Akteure in ihrer Darstellung und ihrer Botschaft.
Schu(l)ndtheater – Theater kann weh tun
Wie viel Theater geht in einer Stunde? Sehr viel, wie die Oberstufentheatergruppe des Christoph-Jacob-Treu-Gymnasiums aus Lauf an der Pegnitz (Leitung: Eva Pöllinger) zeigte. Sie verschnitt und parallelisierte Stationen aus Shakespeares Romeo und Julia mit den Phasen der Entwicklung einer Schultheaterproduktion oder umgekehrt.
Aus selbstkritischer und erfrischend-ironischer Perspektive zeigte jede Szene entweder Shakespeare im Sinne von sehr armem Schultheater oder Theaterstunden mit treffsicheren Pointen. So gab es zum Beispiel eine Stückauswahl als demokratischem Prozess, bei dem die Lehrerin die finale Entscheidung längst getroffen hatte. Ob Raumlauf, Suche nach Spielkonzepten, Casting von Besetzungen, Eifersüchteleien innerhalb der Gruppe oder Unaufmerksamkeiten bei der Aufführung, die höchst amüsierten Reaktionen im Publikum der Schultheatertage machten deutlich, dass der distanziert-kritische Blick der Gruppe auf die Probenarbeit stets den wunden Punkt traf und sich hier in Lachen auflöste.
Natürlich blieb es nicht aus, dass Diskussionen zum Inhalt des Traditionsstücks Fragestellungen, wie die Rolle der Frau, das repräsentierte Männlichkeitsbild oder den Zustand von Post und Bahn angesichts verspäteter Nachrichten thematisierten. Eindeutiges Fazit dieser Aufführung: Viel gewollt und überzeugend viel gekonnt.
Todsünden – eine Collage aus sieben Bildern
In der Alltagssprache kommt es schon noch vor, das Beurteilen eines Vorgangs als Todsünde. In seinem religiös-philosophischen Verständnis ist davon praktisch nicht mehr die Rede.
Genauso unverkrampft ging auch die Mittelstufentheatergruppe des Gymnasiums Christian-Ernestinum aus Bayreuth (Leitung: Anne Kilchert) an die sieben Begriffe aus dem ursprünglichen Sündenkatalog heran.
In den bewegungsintensiven Körperbildern zeigte sie - mit sehr reduzierten Texten - Probleme und Missstände in ihrer Lebenswelt auf, ohne sie moralisch zu brandmarken. In einfachen Symbolen spielten sie auf Blogger oder Influencer an, die einem in den sozialen Medien ein perfektes Leben vorgaukeln (Neid) oder wie ein Überangebot an Materiellem oder Streamingangeboten zu einem unvernünftigen Lebensstil beitragen und so den überfüllten Luftballon am Ende zum Platzen bringen (Völlerei).
In anderen Szenen befragten sie Informationsmedien zu Begriffen wie Hochmut, zeigten Arroganz in Selbstbespiegelungen und identifizierten Wollust im Phänomen einer Übersexualisierung in der Werbung. Aktuelle Bezüge entstanden auch als unter Zorn gezeigt wurde, wie die Klassifizierung von Menschen zu Unmenschlichkeit beiträgt oder dass Trägheit als Lethargie in der Wahrnehmung zur Untätigkeit beim Klimawandel führt.
Aktualität, klare Spielform und stets präsente Präzision der Spieler:innen in ihrer individuellen Körperlichkeit fesselten das Publikum von Anfang bis Ende.
Die absolut völlig total neuen Leiden des jungen W
Nun, die Idee ist nicht neu, einen alten Stoff unter aktuellen Zeitumständen neu zu denken. Das machte schon Ulrich Plenzdorf mit dem alten Goethe-Werk vom Werther. Die Oberstufentheatergruppe des Maria-Theresia-Gymnasiums München (Leitung: Lena Ghio) setzte noch eine Stufe darauf.
In Strenge rezitierten zunächst einzelne Spielende Ausschnitte aus dem empfindsamen Briefroman Goethes. Als dort Lotte in Werthers Leben erscheint, ging das Spiel auf zwei Protagonisten über, die im Folgenden überwiegend tanzend in Erscheinung traten.
In geschickten Übergängen erschienen zwei weitere Werther-Schicksale auf der Bühne: Der aus dem Plenzdorf-Text entlehnte Edgar Wibeau in seiner Widerständigkeit gegen das gesellschaftliche System und ein junger W (sprich: Dabbelju), dessen einzige Bezugsperson eine Art Smartsystem ist, das ihn überwacht und ihm für alle Probleme des Alltags Lösungen anbietet.
Mit einem Mikrofon, das quer durch die Bühne geschwungen wurde, kamen alle drei über ihre unerfüllten Sehnsüchte in Austausch. Unvermittelt wurden sie darauf zu Kandidaten der Dating-Show Eternal Flame, wo sie einen Vorschlag der Erfüllung in einem neuen Hobby, im Entdecken gemeinsamer Schwächen oder in einer emanzipierenden Frauenbeziehung fanden. Dass das Ergebnis einer Datingshow aber nicht eine letzte Lösung der Sehnsuchtsfrage sein kann, wurde deutlich, als sich die Gruppe am Ende mit ihrer Suche ins Publikum bewegte.
Die kleine literarische Reise zeigte unterhaltsam, dass die Sehnsucht nach echter persönlicher Beziehung ein ewiges Grundbedürfnis bleiben wird und auch, dass ältere Werke eine Einladung sein können, solchen Fragen nachzugehen.
Wolfsbande
Es gibt zu viele Konflikte in unserer Welt, die aus Misstrauen und Angst entstehen. Gerade deshalb sollten Freundschaft und Verständnis füreinander wichtige Ziele für alle sein. So die klare Botschaft der Theaterklasse des Camerloher-Gymnasiums Freising (Leitung: Martina Wildgruber), die dieses Anliegen in vielen Facetten und Variationen in ihrem Stück Wolfsbande aufzeigten. Sie ließen sich dabei vor allem von Astrid Lindgrens Ronja-Geschichte inspirieren.
In meist großen Gruppenszenen reflektierten sie die Freude über ein neu geborenes Kind, die warnenden Erziehungsbemühungen von Eltern sowie das Erlernen von Selbstständigkeit und Hilfsbereitschaft als Basis von echter Freundschaft. Das alles konnte aber die Konflikte in ihrer Welt nicht aufhalten. Dazu mussten sich die Kinder erst klar gegen Sturheit und Arroganz zur Wehr setzen. Letztendlich bleibt aber jede Hoffnung auf ein friedlicheres Miteinander im Wesentlichen ein Traum.
Neben aktuellen Statements und Dialogen zeigte die Gruppe zahlreiche aussagestarke Choreographien, um Naturatmosphären, Konflikte und Versöhnung in theatrale Bilder zu bringen. In Form und in Anliegen war ihre Aufführung ein wichtiger und anregender Beitrag zum diesjährigen Festival. „Weiter so!“, möchte man den jungen Spieler:innen in ihrer Begeisterungsfähigkeit und ihrer Spielfreude zurufen.
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Woyzeck
Wenn traditionelle Theaterstücke gespielt werden, besteht immer die Gefahr, dass die Aufführungen museal ausfallen. Aber obwohl die Oberstufentheatergruppe des Gymnasiums bei St. Stefan aus Augsburg (Leitung: Matthias Ferber) den Text von Büchners Woyzeck-Fragment als Sprachmaterial beibehielt, wirkte ihre Aufführung stets gegenwärtig.
Dies gelang durch eine theatrale Bildsprache, die dem Woyzeck-Darsteller in karikierten Repräsentanten der Gesellschaft und in der Gruppe stets einen bedrohlichen und bedrängenden Gegner gegenüberstellte. Im geschickten Wechsel von Dialog und Gruppenszenen agierte der Großteil des Kurses in so verschiedenen Rollen wie einer Tanzgesellschaft, Schilfhalmen, Jahrmarktpublikum oder studentischer Zuhörerschaft.
Die ganze fließende Entwicklung war in einen Bühnenraum gesetzt, der im Wesentlichen aus zwei sehr hohen Leitern am Rand und einem mittig vertieften Podium bestand. Soziale Hierarchien und seelische Untiefen wurden so sinnfällig. Die Inszenierung setzte zudem auf einige spektakuläre Effekte, die das Publikum in Atem hielten, und auf akustische Begleitung durch einen DJ auf der Bühne: Drumloops und Geräuschsamples tauchten das Geschehen an vielen Stellen in düstere Klangatmosphären. Die Aufführung, die den Mord von Woyzeck an Marie an den Anfang stellte, machte so die fatale Konsequenz deutlich, mit der die Gesellschaft Woyzeck in sein Verhalten drängt. Eine fesselnde Bühnengeschichte der hochkonzentriert agierenden Oberstufengruppe.
Für immer Alaska
Kinder und Tiere sind von jeher ein beliebtes Thema in Jugendbüchern. Warum also nicht einmal ein Theater dazu? Auf der Grundlage des Jugendbuchs „Für immer Alaska“ präsentierte die Unterstufentheatergruppe des Willstätter-Gymnasiums aus Nürnberg (Leitung: Marcus Gangloff) ein Stück, in dem die textliche Erzählung im Vordergrund stand. Die zwei Hauptfiguren Sven und Parker haben ihre je eigenen Probleme. Sven hat Epilepsie und muss dauernd Anfälle fürchten, während Parker ihren Hund Alaska weggeben musste und unter der Erinnerung an einen traumatisierenden Überfall auf das Geschäft ihrer Eltern leidet. Sie weiß nicht, dass Alaska jetzt der Begleithund von Sven ist, der gerade neu in ihre Klasse kommt. Aber nicht nur das bekommt sie durch ihre fantastische Beobachtungsgabe heraus. Am Ende findet sie auch den Täter des Überfalls.
Über Distanz und Neugier, Erfindungsreichtum und Hilfsbereitschaft finden die beiden Besonderen vor dem Hintergrund der Klassengemeinschaft zueinander. Denn eine Klassengruppe spielte in pointierten Einwürfen, originellen Solos und langen emotionalen oder raumbildenden Freezes den beiden zu und mit. Die Gruppe unterstrich die Themen wie Angst oder Individualität, übernahm als innere Stimmen die Gedanken von Sven oder transportierte einfach mal SMSen von einer Figur zur anderen. Das hohe Erzähltempo, unvermittelte humoristische Effekte und konzentrierte Körperlichkeit faszinierten und sorgten für Spannung und entspannende Lacher.
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