Rezension zu den 51. Theatertagen in Bad Kötzting

Expeditionen ins Unbekannte — oder: A bissl was geht immer!

Die 51. Theatertage der bayerischen Gymnasien in Bad Kötzting

Es war einmal ein strahlender, sonniger Montagmorgen, an dem sich dreihundert Schüler und eine Menge Lehrer frohgemut, gespannt und hungrig nach Erfahrung in einer Schule versammelten… (Zugegeben, das klingt ziemlich nach Märchen, und es stimmt auch nicht grano cum salis, denn der Ort der Zusammenkunft war der Pavillon des Kurparks von Bad Kötzting.) Nichtsdestoweniger trafen sie sich am Montag der letzten Schulwoche, um drei Tage anstrengender Tätigkeit feierlich einzuläuten: die 51. Theatertage der bayerischen Gymnasien 2007 am Benedikt-Stattler-Gymnasium in Bad Kötzting.

Davon, dass die Theatertage nun schon zum zweitenmal in Bad Kötzting ausgerichtet wurden, zeigte sich der Bürgermeister Wolfgang Ludwig in seinem Grußwort keineswegs überrascht; sei doch die Stadt seit jeher eine Hochburg des Laientheaters. Dieser Einschätzung schloss sich der Schulleiter der gastgebenden Schule, OStD Günther Roith, an, denn seit 30 Jahren gehöre am Benedikt-Stattler-Gymnasium Theater zum Profil der Schule. Theater sei kein Luxus, sondern eine der Grundfesten der ästhetischen Bildung, die auch im G8 nicht eingerissen werden dürften. Für den Schirmherrn der Veranstaltung, Landrat Theo Zellner, ist Theaterspielen deshalb so wichtig, weil „es das Herz öffnet“. Das wisse man nirgendwo so gut wie im Festspiel–Landkreis Cham. Zwar könne man in den Großstädten leichter Theater konsumieren, aber in der Möglichkeit, die Kreativität der Menschen im Theaterspiel zu entfalten, stünden ländliche Regionen den Ballungszentren in nichts nach. Er freue sich deshalb, dass Bad Kötzting in diesen Tagen der Nabel der bayerischen Theaterwelt und für einige Tage fest in der Hand junger kreativer Menschen sei. Und so ließen es sich die lokalen Organisatoren, OStRin Christiane Raab-Bauer und Viktor Bauer es sich nicht nehmen, trotz der Belastung auch noch ein kurzes, aber prägnantes Kabinettstückchen typisch kötztingischer Prägung auf die Bühne zu stellen. Nicht nur, dass sie damit auch für die anderen Gruppen die Messlatte ziemlich hoch hängten — sie prägten auch den Schlachtruf gegen alles Ge-Unke vom Untergang des Theaterspielens am Gymnasium: „Ich habe Visionen“ und „A bissl was geht immer!“ Man muss nicht weiter erwähnen, dass sich die beiden den frenetischen Applaus drei Tage später, mit dem sich alle Teilnehmer für die perfekte Planung bedankten, redlich verdient hatten. Im übrigen galt dieser Applaus dann auch dem technischen Leiter OStR Johann Zaspel und seiner Crew sowie dem Elternbeirat und etlichen Lehrern, die den wunderbaren Service für die Gruppen ermöglicht hatten.

Der Leiter der Fördergemeinschaft für das Schultheater an den Gymnasien, Reinhold Schira, verglich in seiner Eröffnungsrede gelingende Theaterarbeit mit einer Forschungsreise ins Ungewisse, bei der der Lehrer zwar die Richtung vorgeben könne; erfolgreich könne die Reise aber nur bei einer gleichgerichteten Anstrengung aller Beteiligten unternommen werden. Genauso seien auch die Theatertage kein Selbstläufer.

Trotz des erreichten hohen Niveaus sei kein Anlass, sich, mit dem eigenen Erfolg zufrieden, zurückzulehnen. Nötig sei eine dauernde Weiterentwicklung, um dem Theater gerade auf der Folie der schulischen Veränderungen seinen Stellenwert zu erhalten. Die Grüße der Hauptsponsoren der Veranstaltung überbrachten Rita Bovenz, stellvertretende Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbandes, und Brigitta Döpke von der Landeseltervereinigung. Betont wurde dabei vor allem der Wert des Theaterspiels für eine umfassende Ausbildung am Gymnasium. 

Nach der Eröffnung durch den Schirmherrn traf sich dann aber wirklich alles

frohgemut, gespannt und hungrig nach Erfahrung im Benedikt-Stattler- Gymnasium, und die Spannung knisterte durch die Aula… Für die Besprechungen wurden die Stücke zu thematischen Gruppen zusammengefasst, zeigen sich doch darin die vielfältigen Ziele der Forschungsreisen, die von den Gruppen unternommen wurden; immer zu zentralen Orten des menschlichen Lebens, wie es sich eben für das Theater gehört: Erwachsen werden, Liebe, Leben, Geschichte.  

Erwachsen werden.

„Nur auf der Bühne stehen ist doch langweilig“, so das Besprechungs-Resümee der Unterstufen-Theatergruppe aus Bruckmühl, was sie sich unter der Leitung von Christian Buxot vielleicht zu sehr zum Motto ihrer „Max und Moritz“-Adaption machten, obwohl doch manch Anregendes und Ideenreiches geboten wurde. Zunächst machte die Bühnengestaltung mit unzähligen von der Decke hängenden „m&m“-Tüten auf deren weitere Verwendung gespannt, die den Rahmen für den Einstieg in den Originaltext Wilhelm Buschs boten, später aber doch ungenutzt blieben und einfach nur als Namensinitialen der Protagonisten ständig präsent sein sollten. Ehe es ans Streichspielen ging, schob ein Diener, der auch nicht durch den widerspenstigen Vorhang aus dem Konzept zu bringen war, die Figuren in drei Gruppen nacheinander auf einem Wagen positioniert auf die Bühne – konsequent und mit viel Zeit für den Zuschauer, sich das entstehende Bild anzusehen. Leider war es dann mit der Ruhe vorbei und mit der bei Busch noch angenommenen Behaglichkeit seitens des Publikums bei den bösen Streichen, „weil du selbst vor ihnen sicher“. Denn das im Programm angekündigte „Wir mögen es gerne interaktiv“ wurde spürbar durch überdimensionale Pumpguns, deren Wasser die Zuschauer nass machte. Nüsse und viel anderes brachen ebenso über das Publikum herein wie ständig wechselnde und etwas redundante Szenenmusik, zu der mal Chaos, mal langer Umbau zu sehen waren. Schöne und ergiebige Ideen gingen darin bisweilen unter: die Hühner auf der Stange, die sprechende Wäscheleine aus drei Spielern, der Stock-Kampf gegen die Käferkrabbelei und nicht zuletzt die Max und Moritz zermahlende menschliche Mühle – bei diesen Szenen war das Bemühen erkennbar, Sprachwitz einzubringen und ansprechende Bilder zu präsentieren. Daran hätte noch mehr gearbeitet werden können, am Sprechen und am Aushalten, weil es eben nicht reicht, „Keine Angst. Wir wollen nur spielen“ (Programm) als Etikett aufs Spiel zu kleben und dann „eigentlich immer nur Schmarren“ zu machen, wie in der Besprechung erklärt wurde, denn auf der Bühne gibt es kein privates Vergnügen. Das Publikum reagierte entsprechend. Umso lebhafter verlief die nachfolgende Besprechung, in der die Gruppe und ihr Spielleiter letztlich sehr konstruktiv auf Fragen und Kritik reagierten. Die Theatergruppe des Wilhelms-Gymnasiums München (Spielleitung: Martin Hann) widmete sich in ihrer Eigenproduktion „Gretchen — Mädchen“ dem Problem des Verhältnisses von Mann und Frau.

„Theater kreativ“, „Differenztheorem, Labyrinth und Möbiusband“, so beschrieb das Programmheft; der Conférencier der ersten Szene brachte auch noch die Postmoderne ins Spiel – nach der angeblich „anything goes“.

Was ist es für ein Stück, das so viel Theoriewissen beim Zuschauer braucht? Zunächst: Gespielt wurde von einer 5. Klasse, einer Neigungsgruppe und überwiegend einem Grundkurs dramatisches Gestalten.

„Unser Stück ist ein Stück in Stücken, wie viele, das weiß keiner so genau.“ (Programmheft) Konkret hieß das: Szenen unterschiedlichster Herkunft, eher assoziativ gereiht, die sich fast alle um das Thema „Frau — Mann“ gruppierten. Es gab auch einige, die thematisch nicht passten, weil sie aus einer früheren Konzeption der Szenencollage übernommen wurden. Natürlich war auch „Faust“ dabei, aber die konzeptionelle, nicht selten auch textliche Grundlage der meisten stammte aus der Sammlung „Minidramen“, aus anderen Dramen oder epischen Texten.

Obwohl die Spieler gemäß ihrer Rolle weitgehend gleich gekleidet waren, waren Kostüm oder auch Bühnenbild nach der Selbstaussage der Gruppe in der Besprechung völlig zweitrangig.

Konkret sah und hörte man zum Beispiel: Fausts Eingangsmonolog, der von einem Chor von Kindern, die aus dem Zuschauerraum kamen, wiederholt wurde, was schließlich in einer Lehrer-Schüler-Szene endete, so als habe der Lehrer die Schüler den Monolog abgefragt; eine Revue von Kindern, die in unterschiedlichen Temperamenten Fausts Antrag an Gretchen wiederholten, wobei Faust heutzutage „Schutz“ und nicht „Arm“ anbieten muss. Während die Kinder hier in der Darstellung Fausts und Gretchens durchaus unterscheidbar waren, ähnelte sich das vervielfachte Gretchen der „Kerker“- Szene bis zur Ununterscheidbarkeit, sodass dabei Erkenntnisgewinn in der Teilung der Figur nicht recht ersichtlich wurde.

Diese Inszenierung war auch keineswegs die einzige, die die Problematik pantomimischer Gestaltung aufzeigte. Nur auf den ersten Blick ist es einfacher, einen realen Gegenstand durch einen gedachten zu ersetzen. Wenn der Gegenstand nicht bis ins Detail exakt dargestellt wird, dann sieht der Zuschauer Menschen auf der Bühne mit unklaren Dingen hantieren. Eigentlich müsste er — so sagt man — die Farbe der Blume erkennen, die der Pantomime pflückt. Bemerkenswert war, wie selbstkritisch die Gruppe in der kontroversen Diskussion mit Anregungen umging. Sie betonte, dass es ihr „um das Spiel, das Theater an sich, um intuitive Arbeit“ gehe. Man würde ihr wünschen, dass sich diese Spielfreude und Kreativität durch einen noch reflektierteren Umgang mit ihren Stücken leiten ließe; denn spielen kann man nur überzeugend, wenn man ganz genau weiß, was man spielt. Der Grundkurs dramatisches Gestalten des Theodolinden-Gymnasiums München (Spielleitung: Margit Geller) zeigte „Frühlings Erwachen, frei nach Frank Wedekind“. Zielsetzung der Gruppe war es ohne Zweifel, eine Möglichkeit zu finden, die literarische Vorlage Wedekinds in der heutigen Zeit mit der heutigen Jugend umzusetzen. Man hatte schließlich den Text gelesen und aus mehreren Alternativen wegen seiner Thematik für geeignet befunden. Der dramaturgische Umgang mit der Vorlage ergab, dass die Vorgabe modernisiert und der aktuellen Situation der Jugendlichen mehr angepasst werden sollte. Und so wählte man einen abstrakteren Zugang über Chor und expressionistische Gedichte und entwarf eine Reihe von Szenen im Sinne der Vorlage. Dabei verfiel man dem Wunsch, sich der Tragik und dem Pathos - durchaus im Sinne der Vorlage – auszuliefern. Andererseits hielt man offenbar die Tragödie nicht durch, weil man dann doch wieder mittels Joke signalisieren will, wie cool man ist. Und so fanden sich immer wieder Brüche mit Werbeeinschüben, deren Notwendigkeit sich nicht immer zwingend erschloss. Dennoch blieben der originäre Handlungsstrang wie ja auch die Protagonisten des Geschehens deutlich erhalten.

Die Umsetzung auf der Bühne brachte einige recht originelle Ideen zur Geltung, wie etwa das Einengen Wendlas durch die gesellschaftlichen Zwangsjacken oder die Szenerie in der Tanzdisco. Auch der genaue Einsatz der Musik und der sparsame Umgang mit Kostüm und Requisite förderten die Intensität der Inszenierung. Immer dann, wenn man den belehrend-erklärenden Monolog über die Rampe und das existenzielle Pathos mied, konnte auch das Spiel der Akteure überzeugen.

Die Konzeption verlor schließlich an Überzeugungskraft, als in der Abtreibungssituation zu drastischer Realistik in einer Parallelszene zum Beratungsgespräch gegriffen wurde. Damit und auch bei der Verarbeitung der Tragik durch die Jungen begab man sich zu einem Zeitpunkt in den Bereich der Satire, der dazu am wenigsten geeignet erschien. Bis dorthin gerieten große Gefühle mehrfach unfreiwillig ins Lächerliche, was eher dazu führte nicht betroffen zu machen, so sehr man es wollte. Und so konnte die Umsetzung unter kritischerer Betrachtung nicht gänzlich überzeugen.

Liebe.

Wer gemeint hatte, in dem Stück „Frühling. Erwachen!“ des Gymnasiums Gars (Spielleitung: Michaela Bias und Inga Hauser) wiederum Melchior, Wendla oder Moritz aus Wedekinds Skandalstück zu treffen, der wurde enttäuscht. Denn eigentlich ging es der Gruppe aus Gars gar nicht um die Auseinandersetzung mit einer literarischen Vorlage, auch wenn der Titel anderes vermuten lässt. Und doch traf sie den Geist des Originals in Grundzügen überzeugender als jede textnähere Einlassung auf die expressionistische Vorgabe. Der größte Teil der Mitspieler hatte diese nicht einmal gelesen, wie man unumwunden in der Besprechung eingestand.

Das tat freilich der überzeugenden Auseinandersetzung mit dem für nicht nur für Jugendliche problematischen Thema Liebe und Sex keinen Abbruch. Im Gegenteil! Indem man die eigenen Erfahrungen zu Zeiten der beginnenden Pubertät reflektierte, kreierte man ein ungleich authentischeres Bild von all den Sorgen und Nöten, als man das je durch die Umsetzung der Literatur aus einer mehr als verklemmten Zeit gewinnen könnte. Und dabei stieß man immer wieder auf die gleichen Schlagwörter bzw. Phänomene: gehemmte Aufklärung, spießige Eltern, Modefragen, eigener Stil, erstes Rendezvous, Herzklopfen, das erste Mal usw. Die Garser Gruppe enthielt sich weitestgehend jeglicher Pathetik und schuf dadurch mit Augenzwinkern einen kurzweiligen und bunten Bilderbogen, der der kurzen Ausflüge in die Sicht der Erwachsenen gar nicht mehr bedurft hätte.

Die Umsetzung dieser Ideen gefiel durch eine bereits gut ausgeprägte darstellerische Leistung. So war man sich durchweg der Herausforderung bewusst, dass die oft recht kurzen Szenen eine besondere Genauigkeit im gestischen und mimischen Bereich brauchen, um eine Aussage verständlich zu machen. So überzeugten vornehmlich die Szenen, die mit Überzeichnungen, Wiederholungen oder reduziertem Tempo gearbeitet waren. Mehrfach entschädigten auch originelle Detailideen oder musikalisch-akustische Einfälle für die eine oder andere dramaturgische Nachlässigkeit, eine fehlende Pointe oder etwas zu vordergründige Symbolik. All dies kann freilich nicht den überaus positiven Gesamteindruck schmälern, der durch den authentischen Zugriff auf das Thema, die genaue Beobachtung von Details, das ausgefeilte pantomimische Spiel, die hohe Präsenz der Spieler, die Musikalität und die eigene Stilistik aufgebaut wurde.

Auch beim folgenden Stück der Theatergruppe des Carl-Orff-Gymnasiums Unterschleißheim (Spielleitung Michael Blum) wurde mit einem Klassiker eher respektlos umgegangen, was ihm wiederum nicht schadete: „Kabale und Liebe nach Luigi Pirandello. Ein Beitrag zum Nichtschillerjahr.“ Die Gruppe spielte. Mit allem: Mit dem Publikum (natürlich gibt es „Kabale und Liebe nach Pirandello“ gar nicht); mit Schiller; mit „Kabale und Liebe“; mit der aktuellen „Anti-Regietheater“-Diskussion; mit den Sonntagsreden aus dem Schillerjahr; mit Stereotypen; mit Rollenwechseln; mit Dramentheorie; mit dem „Literarischen Quartett“ (in dem natürlich Schiller selbst auftrat). Und das alles so unterhaltsam, so ernsthaft, so witzig, so rasant, dass dem Publikum Hören und Sehen verging.

Die Gruppe spielte am Anfang wirklich Schiller; Wurm und der Präsident schmiedeten ihre Pläne. Großes Ausstattungstheater mit Gehrock und Perücke wurde in seiner Problematik — nicht nur auf der Schultheaterbühne — ausgelotet. Aber dann plötzlich: Luise und Ferdinand doppelt, teilweise identisch; oder sich gegenseitig karikierend. Dann begehrte auch noch das (gespielte) Publikum auf, stürmte die Bühne, jeder gab seine Version des Stücks — hier trat natürlich Pirandello in Aktion — und schließlich fingen alle an, über Dramentheorie zu streiten. Schiller selbst wurde als Zeuge gerufen. Eine überdrehte Schulklasse schlug sich mit Schiller herum. Dessen politische Dimension zeigte sich so schlüssig wie witzig an Bienen auf einer Sommerwiese, die mit Schiller gegen den Despotismus der Bienenkönigin opponierten. Und schließlich fehlte auch die große Katastrophe in der Limonadenszene nicht.

Obwohl — man höre und staune — die Handlung ziemlich vollständig gespielt und erzählt wurde, war das Stück natürlich nicht in erster Linie eine Aufführung von „Kabale“. Es war auch ein schauspielerisches Kabinettstück für eine wunderbar aufgelegte, präsente Theatergruppe. Es war eine freche, komödiantische Antwort auf das Pathos des Schillerjahres. Und es war eine kleine Verbeugung vor Schiller und der Lebendigkeit seiner Stücke. Theater–Forschungsreisen führen eben manchmal in Gefilde, die man nicht erwartet hätte: Man subsumiert die „Kabale“ unter „Liebe“ und bekommt Dramentheorie.

Leben.

Dafür glaubt man dann doch einigermaßen sicher zu wissen, was einen in der U-Bahn erwartet: „Die Liebenden in der Untergrundbahn“ von Jean Tardieux. Es ist ein Klassiker des absurden Theaters, ein Klassiker auch auf den Schulbühnen, den der Grundkurs dramatisches Gestalten des Gymnasiums Gröbenzell (Spielleitung Gabriele Dietl) bot. Weil das Stück seinen Ort nur einmal wechselt und auch nur aus zwei Szenen besteht, fordert es viel sowohl von der Regie wie auch von den Schauspielern. Dies und sein trotz aller „absurden“ Grundeinstellung fast romantischer Schluss — die Liebenden, die sich verloren hatten, finden wieder zusammen — sind wohl der Grund für seine Beliebtheit. Von professionellen Bühnen ist es praktisch verschwunden. Weil in dieser Inszenierung der Gruppe aus Gröbenzell die zweite Szene, die in der UBahn selbst spielt, ebenfalls auf den Bahnhof verlegt wurde, erschien das Stück noch homogener. Ansonsten hielt sich die Inszenierung sehr eng an die Vorgaben des Stückes. Die Spieler waren seiner Textlastigkeit durchaus gewachsen. Die Figuren waren in ihrer Eigenart interessant und klar erkennbar, die Konflikte zwischen ihnen traten deutlich zu Tage. Auch hinsichtlich der Sprechtechnik waren die Schüler durchwegs gut vorbereitet. Bei der sonstigen interpretatorischen Zurückhaltung wurde aber der Sinn der stellenweise eingeführten Veränderungen, z.B. eines Balletts, nicht recht deutlich; vor allem weil ja durch die Musik und den Tanz die Fiktion „U-Bahn“ durchbrochen wurde. Eine schöne Alternative hatte zu Beginn der Szene der Akkordeonspieler geboten, der leider in der Folge nicht mehr eingesetzt wurde. Auch eingestreute Werbungszitate ließen sich eher schwer erklären. Trotzdem bot die Gruppe eine ansprechende Inszenierung des eher spröden Stückes.

Die Tiefen der Métro hinter sich lassend, geriet die Kötztinger Forschungsreise auf ganz unsicheren Boden, was schon der Name des folgenden Stückes andeutete: Der absurlute Wahrsinn.

Die Besprechung kann man hier ganz kurz halten: Gezeigt wurden Szenen von Ionesco und Tardieu. Es spielte die Theatergruppe des Gymnasiums Stein unter Leitung von Marcus Gangloff. Das Ziel der Gruppe: „Im Mittelpunkt soll bei uns Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufen 8 bis 11 die Arbeit an der Bühnenpräsenz stehen. Wir wollen lernen, uns nicht am Text, an Kleidung oder Kulissen festzuhalten, sondern den Moment mit den Zuschauern zu genießen.“ Die Zuschauer genossen ihn auch, nicht nur einen, sondern ganz viele. Die Gruppe hat also ihr Ziel in jeder Hinsicht erreicht. Braucht es doch noch mehr Information? Na gut: Zu sehen war eine fast requisitenlose Bühne; Dinge wurden durch erfreulich exakte, deutliche Pantomime ersetzt. Realismus in der Darstellung war kein Ziel: Wenn etwa die Auskunftsbeamtin und der Ratsuchende (in Tardieus „Der Schalter“) miteinander sprachen, saßen beide meterweit voneinander entfernt dem Publikum zugewandt. Umso plastischer wirkte das spielerisch durchdachte, intensive Gespräch zwischen beiden, umso plastischer auch die trotz aller Worte misslingende Kommunikation. Und umso überzeugender — man möchte fast sagen: — beglückender wirkte dann das kurze räumliche, körperliche Aufeinandertreffen der beiden, in dem sie miteinander eine Vision von Freiheit entwerfen dürfen: „Weiter als bis ans Ende der Welt!“. Dass die Szene manchen Zuschauern im Kontrast zu der aktionsreichen ersten Hälfte zu lang erschien, war ein Problem des Szenenaufbaus, sicher nicht der Schauspieler. Auffällig war in der Besprechung, wie reflektiert und kenntnisreich die Schüler, überwiegend aus der 9. Jahrgangsstufe, über ihr Stück Auskunft geben konnten, das man doch eigentlich für die Mittelstufe als eher spröde Kost einstufen würde. Immer wieder zeigte sich aber, dass genaue Textkenntnis die Spielfreude keineswegs behindert, sondern dass sie die Grundlage ist für überzeugende Darstellung. Andererseits hielt man sich keineswegs sklavisch an den Text: Das Wiedererkennungsgespräch zwischen Mr. und Mrs. Martin aus Ionescos „Die kahle Sängerin“ (4. Szene) wurde aus dem Zusammenhang gelöst. Dadurch erschien die Situation noch offener, weil der Zuschauer ja die Protagonisten nicht mehr kennt. Zusätzlich wurde sie dadurch geöffnet, dass Mrs. Martin vervielfacht war. Umso spannender wurde das langsame Wiedererkennen, bis Mr. Martin schließlich sagt: „Sie sind meine eigene Gattin.“ Indem der Zuschauer die Mrs. Martins als eine einzige Person durchschaut, durchläuft er denselben Erkenntnisprozess wie Mr. Martin.

Dass die Textfülle nicht störend wirkte, lag an der sehr ausdrucksvollen, gut trainierten Sprechweise auch im chorischen Sprechen. Die spielerische Präsenz zeigte sich vor allem auch in den temporeichen Intermezzi, die jeweils von der ganzen Gruppe getragen wurden.

Der absurlute Wahrsinn: Das Stück brauchte keinen aufgesetzten Theorie- Apparat; keine künstlich aufgepfropften aktuellen Konflikte. Es war schön gespieltes, berührendes Theater — entstanden aus einer Reise in entlegene, schon fast vergessene Gebiete der Dramengeschichte.

Mit dem Ende des Lebens, und zwar in diesem Fall einem besonderen Ende, beschäftigte sich ein anderes Stück: „The Numbered“ lautet der englische Titel der Uraufführung im Jahr 1956, vier Jahre nach Fertigstellung des Dramas „Die Befristeten“ von Elias Canetti. Beide Titel ergänzen einander: Die in der hier entworfenen zukünftigen Gesellschaft Lebenden kennen ihren Sterbezeitpunkt, sie sind befristet, sie sind nummeriert, denn sie erhalten bei ihrer Geburt als Rufnamen eine Nummer, die ihr Lebensalter ausdrückt. Allerdings ist nur dem Träger des Namens sein Geburtsdatum bekannt, das er niemandem verraten darf. Ein „ernstes Stück“ (Programm) hatte der Theatergrundkurs des Gymnasiums Puchheim unter Leitung von Gunnar Merle spielen wollen, und mit diesem Wunsch ein ernstes Thema aufgegriffen, das nicht nur Jugendliche interessieren dürfte: „Die bewusste Auseinandersetzung mit den Fragen, die mit dem Tod verbunden sind, spielt in unserer Gesellschaft und damit auch in der Schule kaum eine Rolle, trotz der täglichen Konfrontation mit dem äußeren Schrecken des Todes in den Medien.“ (Programmheft) Ausgehend von diesem augenscheinlichen Widerspruch stellten sich die Kollegiaten die Frage: Was bedeutet es, wie verändert sich das Leben, wenn man weiß, wie lange man leben wird und ob man also ein „Kurzmann“ oder eben eine „Höhere“ ist? Dass dieses Thema spannend zu diskutieren ist, ist sicher keine Frage, doch wie ist das hierzu gewählte Stück auf der Bühne zu vermitteln? Die Puchheimer kündigten ihre Schwierigkeiten bereits im Vorfeld an: „Da es sich um ein Gedankenexperiment handelt, dessen Reiz in der zu Grunde liegenden Idee liegt, die in Einzelszenen entwickelt wird, weist es wenig durchgehende Handlung auf.“ (Programm) Und so wurde aus dem Gedankenexperiment vor allem ein Gedankenaustausch, eher ein Hörspiel als ein Schauspiel, dessen Ende nicht nur wegen der Schwere des Themas Erleichterung brachte. Zu viel statische Zweierbegegnungen ohne spielerische Erarbeitung, reine Dialoge, in denen der Text gut verständlich gesprochen, aber auch von großen verzweifelten und verzweifelnden „Ich-und-Du-Gesten“ und nicht immer motiviertem Auf-der- Stelle-Treten begleitet wurde. Keine „große schauspielerische Herausforderung“ war da wie angekündigt zu sehen, aber doch in der Besprechung würdigten die Zuschauer die durchaus ernsthafte Auseinandersetzung der Gruppe mit dem Thema, die sie vielleicht zu sehr von der Frage nach der Bühnenwirksamkeit entfernt haben mochte. Angesichts des gewählten Stücks ist dies allerdings auch nicht weiter erstaunlich, auf der Bühne hat es schließlich schon bei seiner Uraufführung kaum Zuspruch erfahren. Vielleicht eignet es sich ja wirklich nur als Hörspiel und Gedankenexperiment?

Geschichte.

Auch der Blick zurück führt oft in die Tiefen der menschlichen Existenz; die man vielleicht komödiantisch (im Sinn des Wortes) anpacken kann. Aber das Schlimme lässt sich dann doch nicht verhindern: Die „Wellness-Terrasse einer schneeweißen Villa mit Blick auf das azurblaue griechische Meer“ sollte zeitgenössischer Hintergrund der Spielhandlung sein, die der französische Dramatiker Jean Giraudoux 1935 angesichts der deutschen Bedrohung und der steigenden Kriegsgefahr in Europa für sein Drama „Kein Krieg in Troja“ erfand: Die Trojaner fürchten angesichts der Entführung Helenas durch Paris den Angriff der Griechen und als Helena überredet werden kann, wieder nach Griechenland zurückzugehen, der eigentliche Kriegsgrund also beseitigt wäre, kommt es zu einem unglücklichen Zwischenfall, zu falschen Behauptungen und letztlich eben doch zum Krieg zwischen Griechen und Trojanern. Unter der Leitung von Stefan Rauwolf wollte der Wahlkurs Darstellendes Spiel II des Dante-Gymnasiums München in der Beschäftigung mit der gewählten Vorlage „über die Bereitschaft zum Krieg in zeitgemäßer Form szenisch auf der Bühne nachdenken“ (Programm). Das „grellbunte Durcheinander“ von „Medienmacht, Schönheits- und Fitnesswahn [sowie] Esoterik und Prestige“ und vor allem die Aktualisierung, die Übersetzung ins Heutige blieben indes weitgehend aus, vielmehr wurde der Text gegeben, zu viel Text, wie in der Besprechung bemerkt wurde. Nicht in allen Szenen wurden die Auseinandersetzung mit dem Text und der Versuch einer spielerischen Umsetzung erkennbar, wenn beispielsweise die Stühle nicht nur zum Sitzen oder als obligatorisches Bildelement auf der Wellnessterrasse, sondern als Waffe und zugleich Barriere zwischen zwei sich Streitenden benutzt wurden. Gelungen inszeniert erschien auch der Auftritt der Griechen, die in Vierer-Formation als Gruppe und chorisch handelten und sprachen: reduzierter Text, reduzierte Gestik – und jeder wusste, was zu tun war. Gerade das fehlte den übrigen Rollen bisweilen, deren Träger den Text zwar deutlich artikulierten, spielerisch aber doch auf die Klischees zurückgriffen, die laut Programmheft vermieden werden sollten: zwar „keine Lorbeerkränze, keine Togen“, aber eben die schöne Helena mit dem ständigen Griff durchs Haar, Odysseus, klischeehaft betrunken oder scheinbar potenzstrotzend mit der Hand am Schritt, Schülerinnen mit Bärten und Stöcken als alte Männer, um nur wenige beispielhaft zu nennen. Die in der Besprechung genannten produktiven Anregungen zur Arbeit mit und an den Rollen wurden leider, so schien es, nur abwehrend angehört und mitunter mit der leidigen Floskel „vielleicht lag’s an der Kürzung“ abgetan. In der Regel verträgt die gute Inszenierung auch die notwendige Kürzung, wie es ja auch immer wieder bei den Theatertagen gezeigt wird.

Auch das folgende Stück thematisierte politische Entscheidungen bzw. Strömungen, war aber noch wesentlich deutlicher auf den Nationalsozialismus bezogen: Mit Lion Feuchtwangers „Erfolg“ hat sich die Theatergruppe des städtischen Lion-Feuchtwanger-Gymnasiums München einer besonderen Herausforderung gestellt und diese überzeugend gemeistert. Der 1930 erschienene, knapp 900-seitige Roman mit dem Untertitel „Drei Jahre Geschichte einer Provinz“ spiegelt unter anderem anhand des Werdegangs des Museumsdirektors Dr. Martin Krüger den schleichenden Aufstieg erzkonservativer und nationalsozialistischer Kräfte in Bayern Mitte der 1920er Jahre wider. Gerade „die Verflechtung von Politik, Justiz und Wirtschaft“ habe die Gruppe laut Programmheft bei der Bearbeitung des umfangreichen epischen Textes für die Bühnenhandlung interessiert, aber auch die Entwicklung der Beziehung Krügers zu seiner Lebensgefährtin Johanna Krain, deren Bemühungen um seine Freilassung nach seiner unrechtmäßigen Verurteilung im Meineidprozess letztlich nichts bewirken: Krüger stirbt in Haft an seinem Herzleiden. „Alle Szenen und auch der ‚rote Faden’ [...] wurden von der Gruppe gemeinsam entwickelt“ (Programm), wobei ein guter Blick für die Entwicklung der Figuren ebenso zu erkennen war wie in der produktiven Besprechung die intensive Auseinandersetzung der Spieler mit den Inhalten des Romans. Die Figuren wurden in Schwarz gehalten, in jeder Szene fast durchgehend ein mehr oder weniger buntes Requisit genutzt, ansonsten auch auf pantomimische Darstellung zurückgegriffen. Zwischen den Szenen wurde immer wieder mittels Zeitungsschlagzeilen übergeleitet, manche Szenen – und das wurde in der Besprechung als besonders gelungen hervorgehoben – gingen fließend ineinander über, so zum Beispiel von epischen Auszügen ins Spiel und wieder zurück, vom Schreiben eines Briefs hin zum Lesen durch den Adressaten und Ähnliches. Durchgehend wurden intensive Bilder geboten, beispielsweise die Gefängniszelle, spärlich beleuchtet scheinbar nur durch eine kleine, nur glimmende Glühbirne. Auch das Eislaufen mit bunten Handschuhen und Mützen gehörte dazu, wobei hier noch ein Weiteres sichtbar wurde: Scheinbar mühelos versetzte die Spielleiterin Ilona Hermann die Spielhandlung auf die fremde Bühne, die ganz anders als die heimische war, viel zu eng nämlich eigentlich für die mitgebrachte Inszenierung. Und so wurde einfach die Tiefe des Raums genutzt, auf zwei Ebenen und auf den Stufen dazwischen gespielt, das Publikum statt frontal, dreiseitig zur Bühne gesetzt. Mit der sympathischen Gruppe und den gewieften Technikern wurden damit die ungewohnte Spielsituation und insgesamt die notwendige Kürzung nicht als störend empfunden.

Auf ein fast noch fremderes Terrain wagte sich eine Straubinger Gruppe; und doch schaffte sie es, dass ein ganz fremdes Schicksal den Zuschauern wirklich unter die Haut ging: „Stammhalten“, eine Eigenproduktion der Theatergruppe des Ludwigsgymnasium Straubing (Spielleitung: Karlheinz Frankl). Das bestätigte nicht nur der intensive und lang anhaltende Applaus. Die Besprechung zeigte von allen Seiten die Bewunderung für die schauspielerische Präzision, die deutlich erkennbare intensive Grundlagenarbeit und die unaufhörlich ernsthafte Auseinandersetzung und Durchdringung eines für Jugendliche gar nicht so selbstverständlichen Themas.

Ausgangspunkt war für die Gruppe Alexander Häussers Kurzgeschichte „Der Stammhalter“, in der es um das Schicksal eines späten Kriegsheimkehrers in den frühen 1950er Jahren geht. Mag dem Zugriff auch nur der Wunsch, wieder einmal etwas Ernstes auf die Bühne bringen zu wollen, Pate gestanden sein oder auch ein unbestimmter Drang nach Themen oder Formen der 50er Jahre, so überzeugte das Ergebnis in jeder Hinsicht.

Mit beeindruckenden Bildern wurde man in eine Familie und eine Dorfgemeinschaft hineinversetzt, die sich entsprechend der ländlichen Kargund Derbheit eingerichtet hat. Der auf das Notwendigste reduzierte Text, die Schlichtheit und Funktionalität der Bühne und der Kostüme sowie das sparsam, aber wirksam eingesetzte Licht schufen eine Atmosphäre der Authentizität, wie man sie in den Stücken Sperrs, Kroetz’ oder auch Horvaths finden kann, fern jeglicher ländlicher Tümelei. Und zudem setzte der Dialekt im Wechsel mit umgangssprachlich gefärbtem Hochdeutsch den Betrachter in eine Distanz, die eine kritische Auseinandersetzung mit den Verhaltensweisen der Protagonisten ermöglichte.

Der Heimkehrer mit all seinen Erinnerungen und psychischen Belastungen trifft nun auf einen hermetisch geschlossenen Kosmos, wobei er feststellen muss, dass er unerwünscht ist. Dennoch findet er unter den Jugendfreundinnen eine Braut, die ihm schließlich auch einen Stammhalter schenkt, was auf dem Land immer noch einer der Hauptgründe für eine Heirat war. Doch der junge Vater kann aufgrund seiner Lebenserfahrungen den Sohn nicht als seinen Stolz annehmen. Damit geriet die Gruppe in eine Beschäftigung mit einer psychischen Belastungssituation, wofür ihr weitgehend Erfahrungen fehlen dürften, so dass man Sorge haben konnte, ob sie der Problematik Herr werden. Es gelang ihr recht überzeugend dank ihrer stilistisch eigenwilligen langsamen Spielweise. Sie wirkte neben der Wiederholung und dem chorischen Sprechen, das in Perfektion dargeboten wurde, als ein Instrument der Übermittlung von Gefühlswelten, das jedem pathetischen Plärren die Luft nahm. Ständig musste man sich fragen, warum die Szenen denn so beklemmend wirkten, warum das Gefühl so intensiv angesprochen wurde, obwohl doch nicht ein einziges Mal Musik eingespielt wurde. Die Antwort lag ausschließlich im virtuosen Umgang der Gruppe mit ihren theatralen Mitteln und Möglichkeiten, in der präzisen Umsetzung dessen, was man sich in langer Grundlagenarbeit zurechtgelegt hatte, und in der überragenden Präsenz der Akteure, die auch nicht eine Sekunde in ihrer Spannung und Beteiligung am Geschehen nachließen.

Man kann es nicht leugnen: Es waren weite, interessante und Gewinn bringende Forschungsreisen, auf die die Schüler hier geschickt wurden. Natürlich kamen ganz unterschiedliche Ergebnisse heraus; aber: „A bissl was geht immer“, und ohne Visionen geht gar nichts.

Für die Schüler ist auch eine wichtige Erfahrung, über ihre eigenen und fremde Stücke reden zu können, sie auch beurteilen zu müssen. Indem sie von ihren Spielleitern auf diese Diskussionen vorbereitet werden und deren Anforderungen immer besser meistern, ergreifen die Schüler auch die Chance, ihr eigenes Tun stärker zu reflektieren und zu durchdringen.

Prinzenrolle - Berta-von-Suttner-Gymnasium Neu-Ulm

Es war nicht das erste und bestimmt auch nicht das letzte Mal, dass man Büchners Klassiker „Leonce und Lena“ auf den Spieltagen zu sehen bekam. Dies verwunderte nicht, trifft der Stoff doch zwei zentrale Themen jugendlicher Existenz, Liebe und Langeweile. Und schon keimten im Vorfeld Ängste auf, wie die jungen Leute wohl diesmal mit der mächtigen Vorlage umgehen werden. Nicht zuletzt entzünden sich ja in solchen Fällen die Diskussionen um den richtigen Umgang mit den Klassikern auf Jugendtheater- und Amateurniveau.

Doch jegliche Bedenken konnte man nach der Darbietung der „Prinzenrolle“ beiseite schieben. Die sechs Mädchen mit dem Jungen oder umgekehrt schafften es nämlich recht überzeugend, einen eigenen Zugang und eine eigene Stilistik in der Darbietung zu finden, die auch den spielerischen Möglichkeiten entsprach.

Schon der Titel verrät, dass man das Original eher als einen Stoff betrachtet hatte, mit dem man spielerisch und respektlos umgehen durfte, ohne den wesentlichen Plot aus den Augen zu verlieren, so dass auch literarisch weniger Kundige die Geschichte vom Zueinanderfinden trotz widriger Ausgangslage der Königskinder mitbekommen. Der Titel verrät aber auch, dass man mit Witz und Charme gewillt war, das Komödiantische eines Lustspiels nicht aus den Augen zu verlieren, ja als wesentlichen gestalterischen Grundton beizubehalten.

Das Spiel eröffnete sich dem Zuschauer zwar etwas spröde mit der Vorstellung der handelnden Personen, allesamt in neutralem Schwarz, wobei zwei Celli musikalisch Themen verteilten und Reaktionen hervorriefen, die durchaus noch variabler hätten ausfallen können. Die Neutralität der Kostüme und eine etwas unterkühlt wirkende Spielhaltung der Akteure tat vielleicht ein Übriges, dass anfangs der Funke nicht so recht aufs Publikum überspringen wollte. Doch mit der Dauer des Spiels wurde immer klarer, dass hier eine bestens geschulte Truppe am Werk ist, die durch saubere Sprechtechnik und präsentes Spiel miteinander überzeugt.

Mit wenigen und einfachen Kostümelementen oder Requisiten gelang es den Spielern, in die verschiedensten Rollen zu schlüpfen, die präzise von allem märchenhaften Wust abstrahiert und typisiert worden waren und damit auch einer subtilen komödiantisch-satirischen Kritik ausgeliefert werden konnten. Und somit störte es nicht mehr die Spur, dass nur ein männlicher Darsteller zur Verfügung stand. Zuweilen hätte man sich durchaus noch weitergehende musikalische Intermezzi vorstellen können, die mit der exakten Choreografie korrelieren.

Schließlich wussten die bestens getimten Gänge und Positionen im Raum und das abwechslungsreiche Spiel mit den theatralen Formen auch so zu gefallen, weil sich immer wieder amüsante Kontraste zu den jeweiligen Textpassagen ergaben. Man merke der Truppe an, dass sie erhebliche Lust hatte, sich das Stück vom Sockel herunter zu holen und mit allerlei witzigen Ideen zu garnieren und zu aktualisieren, wobei man auch vor dem einen oder anderen Kalauer, dem Verzehr der einschlägigen Keksrolle am Ende etwa, nicht zurückschreckte, was freilich der Begeisterung des Publikums keinen Abbruch tat - zu Recht, ob dieser rundum gelungenen Umsetzung einer literarischen Vorlage.

  Für die Lehrerinnen und Lehrer wurde eigens eine Fachtagung abgehalten, für die die Klinik für traditionelle Chinesische Medizin den Chi-Gong-Saal zur Verfügung gestellt hatte. Zentraler Tagesordnungspunkt war dabei das programmatische Referat zu postdramatischem Theater von OStR Dieter Linck, Dozent im Studiengang Darstellendes Spiel am Institut für Pädagogik der Universität Erlangen-Nürnberg. Dr. Christian Bauer, Josef Meißner, Susanne-Barbara Scholl